12/12/11
Als ich unlängst gebeten wurde den Klappentext (also den Schmonzes, der normalerweise die Rückseite eines Buches verunziert) für den neuen Roman eines Autoren zu verfassen, der sich seinen guten Namen hauptsächlich in der Musikbranche ruiniert hat, gab es noch nicht mal den Gedanken ans Zögern. Schließlich habe ich nicht umsonst diverse Klosterschulen und Elite-Internate durchlaufen. Dass meine Bemühungen dann auf Seiten des Kollegen nicht den kleinsten Funken Begeisterung hervorzurufen vermochten, soll mich nicht davon abhalten, den abgelehnten Text wenigstens hier der Weltöffentlichkeit zu präsentieren:
„Wenn sich ältere Mitbürger mit Drogenvergangenheit in eine unwirtliche Köhlerhütte in den Karpaten zurückziehen, um dort monate- oder gar jahrelang aus Buchstaben Worte und aus Worten Sätze werden zu lassen, dann ist das eine Leistung, die gar nicht genug gewürdigt werden kann. Machen Sie es wie ich. Unterstützen Sie den Kampf dieser Menschen gegen den eigenen Verfall und kaufen Sie dieses Buch gleich in größerer Stückzahl. Gut möglich, dass dessen Nachfolger nie zu ende geschrieben wird …“ (Jan Off, dreimaliger DsdS-Teilnehmer ) Lieblich, oder?

29/06/11
Während der Arbeit an einem neuen Roman sammelt sich stets eine gehörige Menge geistiger Schlacke, die sich im Manuskript partout nicht unterbringen lassen will. Um nun von diesem Ballast nicht erdrückt zu werden, ist es hin und wieder notwendig, schriftstellerische Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, sprich: die eigentliche Arbeit zu unterbrechen, um Texte wie den folgenden zu verfassen. Warum dieser hier in der Wir-Form daherkommt? Ganz einfach: Wer sich politisch äußern möchte, ist immer gut beraten, so zu tun, als ob hinter ihm eine ganze Gruppe stünde ...


HAMBURG ABWERTEN – FLORA VERSCHWINDEN LASSEN

Dies vorweg: Auch wir haben schon diverse freudvolle, Hirn, Herz und Leber bereichernde Stunden in der Roten Flora verbracht. Wir mögen das alte Gemäuer und schätzen die Tatsache, dass aus ihm heraus immer wieder teils hochgradig erfrischende Gedanken in die Stadt hineingetragen werden. Und genau da liegt das Problem, also, nicht bei den politischen Aktivitäten, sondern beim Gemäuer selber. Wir sind nämlich nicht die einzigen, die am morbiden Charme des ehemaligen Theaters Gefallen gefunden haben.
Wenn es stimmt, dass die Flora zu den am häufigsten fotografierten Hamburger Sehenswürdigkeiten zählt – und wer dort hin und wieder vorbeiläuft und den Touristen beim Posieren zusieht, wird das kaum bezweifeln können – dann erhält die von Neubürgermeister Olaf „Brechmittel-Ole“ Scholz getätigte Aussage, dass ein Ort wie die Flora der Stadt in den vergangenen Jahren nicht schlecht getan habe, erst ihre wahre Bedeutung. Und die lautet: Die Rote Flora wertet die „Marke Hamburg“ entschieden auf, ja, ist selbst längst zur Marke geworden. Da verwundert es regelrecht, dass sich noch keine Souvenirhändler eingefunden haben, die in Sichtweite des Gebäudes Schlüsselanhänger, Feuerzeuge und T-Shirts mit Aufdrucken á la „I survived a german squat“ feilbieten.
Aber nicht nur die Flora selbst zieht Besucher aus aller Welt und damit bares Geld an, Image fördernd für den Standort Hamburg ist auch die widerständige Aura, die das pittoreske Wahrzeichen umgibt. Das kleine gallische Dorf, das sich dem römischen Imperium einfach nicht ergeben möchte, fand in seiner Putzigkeit schon bei Asterix-Lesern Anklang. Und so ein bisschen Straßenkampf und Remmidemmi gehören doch mittlerweile zu einer echten Metropole dazu wie Erotikmessen und Techno-Paraden. Unvergessen bleibt in dieser Hinsicht eine polnische Touristengruppe, die am Abend des 01.Mai 2010 inmitten einer der heftigsten Auseinandersetzungen, die das Schanzenviertel je zu verzeichnen hatte, völlig unbeeindruckt von Flaschenhagel und Wasserwerferbeschuss die Auslöser ihrer Digitalkameras mit einer Begeisterung betätigte, als ob sie gerade den Safaripark Hodenhagen durchqueren würde. Die Lieben daheim wird’s gefreut haben – endlich mal ein Happen echter Urbanität auf den mitgebrachten Urlaubsfotos.
Die Rote Flora ist also ein Gentrifizierungsmotor der Hochleistungsklasse, was nicht weiter dramatisch wäre, wenn man sich von Seiten ihrer Nutzer_Innen nicht vehement gegen Aufwertung und Verdrängung aussprechen, beziehungsweise regelmäßig mit Gentrifizierungsgegnern zusammen arbeiten würde. So wurde beispielsweise die Demonstration „Stadt selber machen! Flora bleibt!“, die am 30.04. 2011 mit mehreren Tausend Teilnehmern durch Hamburg zog, von einem Bündnis verschiedener Gruppen aus dem Umfeld von „Recht auf Stadt“, einem ausgewiesenen Anti-Gentrifizierungsnetzwerk mitgetragen. Thematisiert werden sollte im Rahmen des Aufzugs unter anderem „die Gentrifizierung im Schanzenviertel und in St. Pauli“, sprich: „steigenden Mieten und Vertreibung“.
Nun braucht sich, wer der „Piazza“, also der Fressmeile gegenüber der Flora mit einer malerisch gestalteten Abbruch-Fassade genau die exotische Kulisse liefert, vor der es sich beim Tafeln so herrlich großstädtisch fühlen lässt, über steigende Mieten im Umfeld und die damit einhergehende Verdrängung alteingesessener Bevölkerungsschichten nicht zu wundern. Selbst die Obdachlosen, die die Floristinnen und Floristen auf ihrer Außentreppe lagern lassen, scheinen den Amüsierwilligen den Appetit nicht zu verderben. Wie sollten sie auch, wenn sie ebenfalls nur als folkloristisches Element gesehen werden, das man noch gut vom letzten Besuch auf dem Mittelaltermarkt in Erinnerung hat?!
Was also tun? Die hundertste Demo zum Thema – gar noch mit sich anschließenden Krawallen – scheint kein Erfolgversprechendes Mittel zu sein. Wie sehr selbst diese radikale Form der „gesellschaftlichen Teilhabe“ mittlerweile System erhaltend wirkt, haben nicht zuletzt die Marketingstrategen der Firma Gauloises bewiesen, die am Vorabend der „Flora bleibt“-Demo mit Werbebotschaften versehene Pflastersteine aus Styropor in der Schanze verteilen ließen.
Nein, wer wie die Rote Flora „Störfaktor bleiben“ will, muss sich schon etwas anderes einfallen lassen. Eine Möglichkeit wäre sicher, um noch mal auf die am Achidi-John-Platz lagernden Berber zurückzukommen, deren Anzahl drastisch zu erhöhen, also mindestens um das Zehnfache. Aber da stünde natürlich ruckzuck das Ordnungsamt auf dem Plan, weshalb wir von hier aus, eine andere Empfehlung aussprechen möchten, nämlich die, die Fassade der Flora dergestalt umzumodellieren, dass sie am Ende einem der hässlichen, grauen Wohnblöcke gleicht wie sie in Billstedt oder dem Osdorfer Born zuhauf zu finden sind.
Noch gescheiter finden wir allerdings die Idee, dass alle, die die Flora nutzen, das Gebäude in einem Akt der Selbstbefreiung in Schutt und Asche legen. Mag die Vernichtung der „eigenen Infrastruktur“ im ersten Moment auch vollkommen schwachsinnig wirken, könnte eine derartige Tat sich im Hinblick auf eine längerfristige revolutionäre Perspektive noch als echter Segen erweisen. Denn was bringen all die Rückzugsräume, die sich die Radikale Linke in den letzten Jahrzehnten erkämpft hat? Genau, Trägheit und Besitzstandsdenken. Ein kleine Soli-Party hier, eine drollige Dach-Aktion dort, zwischendurch noch schnell ein paar Böller geschmissen und schon lässt sich’s im autonomen Freiraum wieder mit gutem Gewissen vor dem Feierabendbier abstinken. Keine Frage, die Demo am 30.04. ist in vielerlei Hinsicht ein Erfolg gewesen, in Bezug auf das, was wirklich vonnöten wäre, also die Herzen der Massen zu entflammen, war sie jedoch nur ein feuchter Furz.
Wird sich ein Junkie, dem Mutti täglich einen Hunni zusteckt, freiwillig aus seiner Sucht befreien? Nein, natürlich nicht. Ähnlich steht es um die Radikale Linke, mit all ihren gemütlichen Hausprojekten und sonstigen Pfründen. Sehen wir zu, dass sie wieder aus dem Quark kommt. Stoßen wir sie – frei nach dem Motto „nur wer nichts mehr zu verlieren hat, ist wirklich frei“ – täglich ein Stückchen tiefer in die Gosse, damit sie sich irgendwann mit einer Wucht erheben kann, die ihr niemand zugetraut hätte, am wenigsten sie selbst. Dann braucht es keine „Flora bleibt“-Demos mehr, sondern es kann endlich für das gestritten werden, auf das es wirklich ankommt, ein menschenwürdiges Leben für ALLE nämlich.

14/06/11
Eigentlich ist der nun folgende Text deutlich zu lang für eine Rubrik, die so genannte "short news" zum Inhalt haben möchte, und ganz frisch ist er auch nicht mehr. Aber als ihn meine Putzfrau gestern aus dem verstopften Waschmaschinenabfluss gefischt hat, bin ich derart sentimental geworden, dass ich ihn hier einfach veröffentlichen MUSSTE.

NEPPER, SCHLEPPER, BAUERNFÄNGER

Wenn die beiden Chefredakteure des Zentralorgans für Berufsjugendliche, kurz Neon genannt, einen Ratgeber auf den Buchmarkt schmeißen, der der „Generation der Krisenkinder“ (Spiegel-online) den Weg durch den Dschungel des Erwachsenwerdens weisen möchte, ist das in etwa so beeindruckend wie der Schiss einer Möwe auf einem kilometerlangen Stück Strand. Es gibt genügend andere Stellen, an denen du dein Handtuch ausbreiten kannst.
Ärgerlich wird es erst, wenn eben dieser Ratgeber öffentlich präsentiert wird, und ich da hingeschickt werde. Aber das Blank Magazin zahlt nicht nur Spitzenlöhne, sondern lässt seinen Mitarbeitern auch noch regelmäßig kostenlose Botox-Behandlungen angedeihen. Also heißt es, die Zähne tapfer zusammenzubeißen und ins Hamburger Knust vorzustoßen – eine Spelunke, die trotz ihrer langen Tradition als Hort des Lasters und der Ausschweifungen mittlerweile als Nichtraucher-Tempel daherkommt.
Hier wollen Michael Ebert und Timm Klotzek, so die Namen der beiden Verfasser, gemeinsam mit Bestsellerautorin und Ex-VIVA-Lautsprecher Sarah Kuttner, die von der Hamburger Morgenpost im Vorfeld mal eben zur „Identifikationsfigur“ der Zwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen hochstilisiert wird, der Frage nachgehen, die ihrem Werk den Titel geliehen hat: „Planen oder treiben lassen?“ Wobei sich als erstes der Gedanke aufdrängt, was denn hier, wenn überhaupt, treiben gelassen werden soll: Ein Stück Holz? Eine Flaschenpost? Ein verendeter Katzenhai? Ein kurzer Zusatz auf dem Cover wäre in dieser Hinsicht gewiss hilfreich gewesen.
Immerhin: Das Knust ist an diesem Abend gut besucht. Kurz bevor die Chose startet, müssen gar zusätzliche Sitzgelegenheiten herangeschafft werden. Heiße Luft verkauft sich eben immer noch am besten. Ich sehe mich um und sogleich einige meiner Vorurteile bezüglich der Neon-Leserschaft bestätigt. Zum größten Teil biedere Klamotten mit einem Hauch von Lässigkeit und – ganz wichtig – einem oder zwei hervorstechenden Details, deren Unstimmigkeit im Verhältnis zum Rest der Kleddage Nonkonformismus und Esprit signalisieren soll. Der Altersdurchschnitt entspricht dem der Zielgruppe. Es sind allerdings auch ein paar Mittvierziger eingerückt. Richtig wohl scheinen sie sich unter den vielen Backfischen nicht zu fühlen: „Ey, was machst du denn hier?“ „Muss ja mal gucken, was auf meine Tochter so zukommt, ’ne.“
Ich frage meine Sitznachbarin nach dem Grund ihres Besuchs, will wissen, ob sie wegen des prominenten Gastes oder der in Aussicht gestellten Lebenshilfe gekommen sei. „Ach, eigentlich wegen beidem. Weißt du, ich bin selber in der Medienbranche, da ist das schon irgendwie ’n Pflichttermin.“ Aha!
Nach halbwegs akzeptabler Wartezeit dann der Auftritt der beiden Buchautoren, respektive Chefredakteure, respektive Gastgeber, respektive Moderatoren des Abends. Sarah ist offenbar noch im Backstagebereich zugange. Trotz dreier bereitgestellter Ohrensessel hat man sich entschieden, die Zeit bis zum Eintreffen des Gastes im Stehen zu verbringen. Timm, der sich etwas näher am Bühnenrand positioniert hat, ergreift das Wort und monologisiert eine Weile herum. „Unsere Generation“, sagt er, womit er sich und das Publikum meint, was insofern irritiert, als Timm selber so seriös und abgeklärt aussieht, wie jemand, der sich gedanklich bereits in den Ruhestand verabschiedet hat. „Kein schlechter oder besser“, sagt er, und: „Keiner ist vollständig Planer oder Treiberlasser“ – womit die aufgeworfene Frage des Buchtitels gleich mal hinfällig geworden ist. Michael studiert derweil seine Moderationskärtchen und übt sich in verschiedenen hilflosen Gesichtsausdrücken. Ich bin mit dem mir bis dahin unbekannten Wort „Treiberlasser“ beschäftigt, überlege, ob es dabei um jemanden geht, der sich Wild vor die Flinte treiben lässt, und bekomme deshalb nicht mit, wie es Timm gelingt zum Thema „Fußball“ überzuleiten. Macht ja nüscht, Fußball kommt immer an. Na, meistens jedenfalls. „Sind wir nicht alle Fußballtorhüter?“ Sechs Leute kichern – offenbar wild entschlossen, sich (zur Not durch Selbsthypnose) für das Eintrittsgeld soviel wie möglich zurückzuholen –, der Rest schweigt betreten in sich hinein.
Das Elend findet erst ein Ende, als Fräulein Kuttner hereingebeten wird. Schon während der Begrüßung zeigt sich: Sarah redet nicht nur gern und viel, sie ist vor allem in der Lage, ein Publikum zu bedienen. Jetzt darf auch endlich gesessen werden: die Herren links, die Dame rechts außen. Und nachdem am Wasser, am Wein oder an der Apfelschorle genippt worden ist, schlägt die große Stunde von Michael. Zum ersten Mal darf er das Wort ergreifen. Entsprechend enthusiastisch fällt sein Beitrag aus. Sarah sei, teilt er uns mit, nicht mehr und nicht weniger als das „Versuchskaninchen dieser Generation“. Eine Generation, die sich hauptsächlich dadurch auszuzeichnen scheint, dass sie den Begriff „Generation“ geradezu inflationär gebraucht.
Nun könnte es eigentlich losgehen, aber erst muss noch etwas durchgesagt werden: Wer eine Frage an Sarah habe, der möge dieselbe unter Zuhilfenahme der Bleistifte und Zettel formulieren, die gleich verteilt werden würden. Am Ende des Abends werde der Stargast dann Rede und Antwort stehen. So weit, so Kindergeburtstag. Michael versucht einen Witz, den selbst das großherzige Frolln Kuttner nicht anders als beleidigend empfinden kann, schämt sich kurz dafür, nur um dieses lästige Gefühl gleich darauf wieder über Bord zu schmeißen. Als Bühnenhengst und Moderator darf man schließlich beleidigen soviel man will.
Und dann endlich doch noch der Startschuss: „Planen oder treiben lassen – live und in Farbe im Knust“. Chapter one: „Der Job“. Michael liest einen kurzen Experten-Schwank zum Thema, nur um gleich darauf mit folgendem Fazit aufzuwarten: „Wer nicht weiß, was er mal machen will, soll sich locker machen!“ Im Anschluss ist Sarah gefordert, sich zum Gesagten zu äußern. Aber sie kann oder will nicht, verbreitet lieber eigene Weisheiten. Zum Beispiel die, dass Fernsehen scheiße sei, und Internet natürlich auch, im Speziellen myspace und facebook und wie die nervigen Seiten alle heißen. Dabei spricht sie ein bisschen wie Charlotte Roche, also so niedlich und mädchenhaft. Um dann endlich auch mal das Wort „Generation“ in den Mund nehmen zu dürfen, erzählt Sarah, dass sie sich den von der Presse seit Jahr und Tag mit ihrer Person in Verbindung gebrachten Begriff „Leitfigur ihrer Generation“ der Einfachheit halber selbst ausgedacht habe. Die Buben neben ihr scheint das alles nicht sonderlich zu interessieren. Sie kippeln mit ihren Sesseln und blättern gelangweilt in den Moderationskärtchen. Ein Dialog kommt nicht zustande.
Vielleicht ja beim nächsten Thema, der Liebe – dazu sollte doch jeder etwas zu sagen haben. Erst einmal wird allerdings wieder aus dem Buch zitiert, denn um das, besser: um dessen Verkauf geht es ja schließlich. Diesmal dreht sich das Kurzreferat um vier so genannte „Apokalyptische Reiter“, mit denen früher oder später angeblich jede Beziehung zu kämpfen habe. Danach wird es tatsächlich kurzfristig spannend, als Sarah das Konzept der zeitlich befristeten Ehe aufs Tapet bringt. Leider entwickelt sich auch hieraus kein echtes Gespräch. Wäre ja auch zu schön gewesen. Stattdessen wird Michael wieder unverschämt, der offenbar immer noch seinen schweigenden Part vom Beginn des Abends kompensieren muss. Mit konkretem Bezug zu Sarahs Lebengefährten entlässt er seinem Sprachbullauge folgende Frage: „Woran merkst du, dass du glücklich liiert bist?“ Darauf weiß dann selbst Fräulein Kuttner einmal nicht in Hochgeschwindigkeit zu antworten. Was Binsenweisheiten zum Thema „Kennenlernen“ betrifft, ist sie allerdings wieder ganz auf der Höhe. „Du sollst die Liebe nicht suchen“, sagt sie, und: „als Promi hat man’s deutlich schwerer.“ Wenn sie über Sex redet, sagt sie „Poppen“, von sich selbst spricht sie gern als „die Kuttner“.
Obwohl noch nicht mal eine halbe Stunde verstrichen ist, schwindet mir merklich die Konzentration. Und dem Publikum geht es nicht anders. Als Timm, dessen Aufmerksamkeit ebenfalls schon gelitten hat, wissen will, welche Bezeichnungen diese „Apokalyptischen Reiter“ noch mal im Einzelnen trügen, die da jeder Beziehung usw., ruft ihm jemand die Namen der Protagonisten aus Dürers gleichnamigen Holzschnitt zu. Kurzfristige Konfusion auf der Bühne, also schnell zum dritten Thema, der „Freundschaft“ übergeleitet. Wieder wird Expertenwissen verlesen, wieder wird mit Zetteln und Kärtchen hantiert, die dann auch gern mal zu Boden fallen. Ich drifte derweil in einen seligen Dämmerzustand, aus dem ich erst wieder zurückkehre, als Sarah die Moderatoren mit der Frage brüskiert, welchen Begriff sie in Bezug auf weibliche Unterwäsche bevorzugen würden: Slip oder Schlüpfer? Sarah selbst sagt „Schlüpper“. Die Herren Chefredakteure schweigen sich aus.
Chapter four, „Die eigenen Eltern“, nervt vor allem mit endlosen privaten Details aus Sarahs Kindheit und Jugendzeit. Die wenigen Höhepunkte: Sarah sagt „eingepullert“ statt „eingepisst“, Timm fragt „wie sind wir denn zeitlich“, Michael hätte gern noch „’nen Weißwein“. Von mir aus könnten sie da oben das Zwanzigfache an Alkohol in sich hineinschütten, dann käme vielleicht ein bisschen Schwung auf und mit ein wenig Glück würden auch noch diese unsäglichen Karten verschwinden, die den vorformulierten Fragen Platz bieten. Aber dieser Gedanke bleibt natürlich das, was er von vornherein war: ein frommer Wunsch, mehr nicht. Stattdessen zwingt das tranige Gefasel von Ebert und Klotzeck Mademoiselle Kuttner auch im fünften Teil der Talkrunde zu Plattitüden der Marke „jedes Alter hat seinen Reiz“.
Als dann endlich, nach gefühlten vierundzwanzig Stunden, die erlösenden Abschiedsfloskeln und Dankesworte erklingen, wollen mir vor Wonne fast die Tränen kommen. Der Applaus entspricht in seiner Kürze dem, den ein Vortrag Hugh Hefners in einer Koranschule ernten würde. Mir kann das nur recht sein; ich habe bereits die dringend herbeigesehnte Kippen zwischen den Lippen. Aber Halt, da ist ja noch die angekündigte Interaktion zwischen Stargast und Publikum. Als sich herausstellt, dass vergessen worden ist, die dafür vorgesehenen Kärtchen zu verteilen, sieht es einen Moment lang so aus, als ob der Allmächtige Erbarmen mit mir hätte, dann wird auf der Bühne zu meinem Entsetzen entschieden, dass die Fragen auch verbal gestellt werden dürfen. Erst will niemand, dann sondert der erste, der das bedrückende Schweigen im Saal nicht länger erträgt, irgendeine Belanglosigkeit ab. Nach Sarahs ausführlicher Antwort, schweigt wieder alles, bis dann der Nächste Mitleid in sich verspürt und die Stimme erhebt. Und so geht es weiter und weiter, während ich mich mit der Frage beschäftige, warum nicht wenigstens einer der Anwesenden aufsteht und die neun Euro zurückverlangt, die er für diesen Nonsens abgedrückt hat (ich selbst bin ja glücklicherweise einem Presseausweis geseget). Vielleicht weil ausschließlich Mitglieder der Generation „ich lass mir alles gefallen“ die Sitzreihen bevölkern. Als Sarah irgendwann darüber referiert, wie wichtig es sei, die Umwelt zu erhalten, beschließe ich, dass es genug ist, dass es nun wahrlich bis an mein Lebensende reicht mit diesem Austausch von Gemeinplätzen. Das Blank kann zahlen was es will, ich bin erster Linie meiner geistigen Gesundheit verpflichtet.
Kaum, dass ich mich erhoben habe, schließt sich mir meine Sitznachbarin an. Draußen frage ich sie, ob es ihr gefallen hätte. Sie habe lange nicht mehr so viel Lebenszeit vergeudet, lautet die Antwort. Kein Wunder, wenn man sich von halbgaren Heilsversprechungen zu einer derartigen Veranstaltung treiben lässt. Bleibt nur zu hoffen, dass die dilettierenden Herren Ebert und Klotzek in Zukunft mit ein paar Abonnenten weniger planen müssen.

26/05/11

Damit sich die geneigte Kundschaft schon mal auf das einstimmen kann, was sie bei zukünftigen Auftritten erwartet. Hans Albers könnte abtreten (wenn er nicht schon tot wäre):


03/01/11
GALA-Redakteure aufgepasst!

Dank des verdienstvollen Einsatzes meiner Netzelfe (gebenedeit seien ihr unermesslicher Fleiß sowie ihre über jeden Zweifel erhabene Tugend) ist es zum Jahreswechsel gelungen, den längst fälligen Austausch der auf dieser Seite gesammelten Pressestimmen vorzunehmen. Und die aktuellen Lobeshymnen haben es in sich, stammen sie doch nicht nur von so klangvollen Institutionen wie dem Feigenblatt, dem Kulturmagazin für Frauen, oder einer Homepage namens energetische-paartherapie.de sondern auch von der Internetpräsenz der größten Science Fiction-Serie dieses Planeten. Heißa, da lacht das Autorenherz!
Das schönste Statement aus der weiten Welt der Bücherfreunde stammt allerdings von einer Seite namens spermaforum.com und soll, da es sich in der Rubrik Pressestimmen partout nicht unterbringen ließ, wenigstens hier seine letzte Ruhestätte finden:
„Faceloader89: Suche!!! Hallo Spermafreunde, und zwar suche ich gute erotische Bücher!!!
mariewam: Da gibt es viel verschiedenes aber mir hat zb ‚Unzucht’ von Jan Off gut gefallen.“ (Fehler wie im Original)
Wen dieser Jahrtausenddialog noch nicht hinreichend befriedigt hat, dem sei ein "Sehtest“ in der Rubrik "Probierhappen" empfohlen, denn auch dort hat es einen kompletten Austausch der Schaufensterauslagen gegeben.
Nach soviel Fleißarbeit nun aber schnell zurück ins Schlaflabor.

12/10/10
Liebe Rätselfreunde, bitte rufen Sie nicht mehr an. Der letzte "Karasek" wurde heute von einem extra für diese Botengänge eingestellten Ein-Euro-Jobber zur Post getragen. Allen Gewinnern sei eine unfallfreie Lektüre gewünscht.
Venceremos!

19/09/10
Bei dringend notwendigen Abbrucharbeiten in meiner Datsche nahe Lutherstadt Wittenberg sind 12 Exemplare des längst vergriffenen Ernährungsratgebers "Kreuzigungspatrouille Karasek" aufgetaucht. Wer sich für lau eins sichern möchte, schickt unter Angabe seiner Postadresse einfach Elektropost an meine Praktikantin (jan_off@web.de). Das Porto zahlt die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

30/07/10
Muss ja! So, Herrschaften, nachdem ich mich in den letzten Wochen ausschließlich durch Mätzchen auf meiner facebook-Seite bemerkbar gemacht habe, ist es mir endlich gelungen, der Netzelfe meines Vertrauens (gebenedeit seien ihre Talente) meine neueste Veröffentlichung zukommen zu lassen. Das Cover von "Offenbarungseid" und die dazugehörigen Informationen sind nun also (nur schlappe drei oder vier Monate nach Erscheinen des Kompendiums) auf diesen Seiten einzusehen. Und so sei es mir gestattet, ein paar Worte zu den Gründen zu verlieren, die den Verlag aber auch mich selbst zur Herausgabe der "raren Altlasten" bewogen haben. Es gab nicht wenige Stimmen, die bei meinem letzten Roman (namens "Ackerbau und Unzucht") den "Spirit der frühen Jahre" vermissten. Und das völlig zurecht. Denn dem "Spirit der frühen Jahre" galt es einfach mal gehörig in den Arsch zu treten. Herausgekommen ist mit "Unzucht" dabei ein Roman, der nicht ganz so trostlos geworden ist wie beabsichtigt, aber immerhin noch trostlos genug, um mich in Hochstimmung zu versetzen. Darauf einen Dujardin! Denn nichts gilt es schärfer zu bekämpfen als die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Gleichzeitig heißt es aber auch, all jenen Labsal und Erbauung zu spenden, die da ihre Mehrwegflaschensammlung mit einer ganz anderen Erwartungshaltung in die Buchläden getragen hatten. Für diese geprellten Christenmenschen sollte "Offenbarungseid", dessen Inhalt sich nahezu vollständig aus alten, uralten und völlig antiquierten Schriften zusammensetzt, das rechte Trostpflaster darstellen. Und damit voran, voran zu neuen Taten ...

30/03/10
Am 25.03.2010 ist mit Fred Udo Führer einer meiner besten Freunde verstorben. Warum ich das hier schreibe? Erstens war Fred alias Mettmann das Vorbild für eine Figur, die einige meiner älteren Kurzgeschichten bevölkert. Zweitens fühle ich mich seit seinem Tod derart leer, dass ich bis auf Weiteres auf Einträge auf dieser Seite verzichten werde. Stattdessen werde ich mir in den nächsten Wochen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln "die hirneigene Festplatte löschen" (wie Fred es ausgedrückt hätte). Sollte ich in diesem Zeitraum mir bekannte oder unbekannte Personen im Vollrausch vor den Kopf stoßen, möchte ich hier und heute schon mal in aller Form um Entschuldigung bitten.

25/01/10
Hohe Zeit, an dieser Stelle ein paar Worte zum Auftritt in Dortmund zu verlieren. Denn schön war's da, im FZW (auch wenn der Laden auf den ersten Blick gar nicht so einladend wirken wollte) und so wäre nicht nur eine ausschweifende Aftershow-Orgie angemessen gewesen, sondern auch ein durchaus längeres Programm. Dass es nicht dazu kam, ist höchst bedauerlich, aber an eben diesem Abend lagen "zwingende private Gründe" vor (um hier mal Verona Pooth zu zitieren), die es unerlässlich machten, so schnell wie möglich nach Hamburg zurück zu fahren. Sollte ich in diesem Leben nochmals in Dortmund gastieren, lese ich - und das sei hiermit versprochen - so lange, bis der (Lungen)Arzt kommt.

06/01/10
Aufräumen ist nicht nur der Titel eines grandiosen Romans aus der Feder meines geschätzten Kollegen Franz Dobler (Link), sondern auch das Gebot der Stunde. Und so habe ich diese Rubrik heute auf den Knien entrümpelt und gebohnert, damit sie sich fürderhin wieder mit REGELMÄSSIGEN Beiträgen füllen möge - wobei sich über den Ausdruck "regelmäßig" natürlich trefflich streiten lässt. Und damit euch allen, die ihr hier regelmäßig eure Vorurteile in Sachen "die nachlässige Lebensführung der kulturellen C-Klasse" überprüfen dürft, ein OFFensives neues Jahrzehnt.